Rahmenbedingungen

Unter welchen Rahmenbedingungen kann sich der Offene Dialog günstig entfalten?

Zu einer Einführung des bedürfnisorientierten Ansatzes in Deutschland gehören vier Schritte, die bislang ausstehen: Die Zusammenführung der strukturellen, ökonomischen, konzeptionellen und qualifizierenden Bausteine.

Die Vision:
Ein gemeindepsychiatrischer Verbund aus allen Hilfearten mit einer ganzheitlichen Finanzierung, mobilen Kleinteams im Zentrum der Angebote, jederzeitiger niedrigschwelliger Erreichbarkeit, einem therapeutisch-systemischen Grundkonzept und umfassender Qualifizierung und Supervision der Mitarbeiter.

Insbesondere braucht es dazu

  • eine Umsteuerung der Ressourcen von (teil-)stationären zu intensiven, entsprechend gut auszustattenden ambulanten Hilfen (mobilen Teams);
  • eine modulartige Anordnung aller übrigen Hilfen;
  • eine möglichst weit gehende Regionalisierung aller Hilfen;
  • eine Finanzierung integrierter Hilfen und eine Zusammenführung aller Hilfearten zu Gemeindepsychiatrischen Verbünden;
  • eine psychotherapeutische Konzipierung der Hilfen;
  • eine intensive psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung aller beteiligten professionellen HelferInnen sowie
  • eine wissenschaftliche Begleitung zur Überprüfung der skandinavischen Evaluationsbefunde.

Struktur

Gemeindepsychiatrisches Netzwerk

Um alle erforderlichen Hilfen aus einer Hand anbieten zu können, sind unverkennbar große strukturelle Hürden zu überwinden. Sowohl sozialrechtliche als auch institutionelle Aufsplitterungen der psychiatrischen Landschaft begünstigen hier zu Lande eine institutionszentrierte und kostenträgergerechte Konzeption der einzelnen Hilfen. Das gegliederte psychiatrische Hilfesystem in Deutschland umfasst derzeit:

- stationäre Einrichtungen: psychiatrische Abteilungen, Fachkrankenhäuser, Universitätskliniken

- teilstationäre Einrichtungen: Tages- und Nachtkliniken

- ambulante Einrichtungen: niedergelassene PsychiaterInnen, NervenärztInnen, AllgemeinärztInnen, Ambulanzen, Polikliniken, Früherkennungszentren und

- komplementäre Behandlungseinrichtungen: betreute Wohngruppen, Übergangs- und Dauerwohnheime, Rehabilitationseinrichtungen, sozialpsychiatrische Zentren, Tagesstätten.

Um die gemeindepsychiatrische Versorgung weiter auszubauen und zu verbessern hat sich im Jahr 2006 die Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde e.V. gegründet.

Ökonomie

Ganzheitliche Finanzierung

Die therapeutische Begleitung durch mobile Teams ist aufwändig. Schon ein Hausbesuch von zwei Stunden durch zwei Personen verursacht Kosten in der Größenordnung eines stationären Behandlungstages. Deshalb bedarf sie der Finanzierung durch Krankenkassen – und gegebenenfalls der ergänzenden Leistungsträger – weit über den bisher üblichen Rahmen der psychiatrischen Institutsambulanzen hinaus.

Ansätze hierzu bietet die „Krankenhausbehandlung zu Hause“ (Home Treatment) zu stationären oder teilstationären Tagessätzen.

Ebenfalls möglich ist der Abschluss eines Vertrages über die „Integrierte Versorgung“ mit Krankenkassen. Dies ermöglicht die vollständige Integration intensiver ambulanter Behandlung mit allen übrigen kassenfinanzierten Hilfeformen auf der Finanzierungsbasis von Jahres-Fallpauschalen.

Des Weiteren befinden sich derzeit die sogenannten Regionalbudgets in der Erprobungsphase. Dabei wird auf der Grundlage der Einwohnerzahl der zu versorgenden Region der Gesamtfinanzierungsbedarf für das Jahr errechnet und den Leistungserbringern zur Verfügung gestellt.

Mehr zum Thema Regional-Budget finden Sie hier...

Qualifizierung

Weiterbildung der Fachkräfte

Neben der Entwicklung therapeutisch-systemischer Konzeptionen ist die Einbeziehung entsprechend qualifizierter Psychotherapeuten in den Behandlungsverbund erforderlich. Außerdem bedarf es einer umfassenden Fort- und Weiterbildung für alle professionellen Helfer, die am Behandlungsgeschehen, insbesondere an den mobilen Teams und den Therapieversammlungen beteiligt sind.

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Konzept

Mobile Kleinteams mit therapeutisch-systemischem Ansatz

Bedürfnisangepasste Behandlung wird im Kern durch kleine, multiprofessionelle, mobile Teams geleistet. Sie organisieren die Therapieversammlungen zu Beginn und während der gesamten Behandlung, sie gewährleisten die persönliche Kontinuität und sind für den „Fall“ während der gesamten Behandlungsdauer verantwortlich. Alle übrigen Hilfen werden je nach dem individuellen Bedarf und der momentanen Situation als ergänzende Module eingesetzt.

Dem Behandlungsansatz liegt die Vorstellung akuter Psychosen als Reaktion auf ungelöste Lebens- und Beziehungsprobleme zu Grunde. Die klassische „Krankheitsperspektive“ wird ersetzt durch eine „Krisenperspektive“. Behandlung akuter Psychosen ist Unterstützung von Menschen (Patienten und Angehörige) in schweren Krisensituationen. Dies gilt es zu verstehen, und aus diesem Verständnis leiten sich die im Einzelfall hilfreichen Schritte der Behandlung und Begleitung ab.

Gegenüber den üblichen medizinischen und sozialarbeiterischen Konzeptionen psychiatrischer Versorgung bedeutet dieses psychotherapeutische Krisenverständnis ein erhebliches Umdenken. Nicht die Symptomatik oder der lebensweltbezogene Unterstützungsbedarf sind primäre Ausgangspunkte der Hilfen, sondern persönliche Bedürfnisse der an der Krise Beteiligten sowie die ihnen zugrunde liegenden Lebensprobleme oder aktuellen Konflikte und Ereignisse.

Medizinische Behandlung, Rehabilitation, Eingliederungshilfe und mehr sind zwar integrale Bestandteile der gesamten Hilfe, sie sind aber in dem Sinne nachrangig, dass sie als ergänzende Module eingesetzt werden und nicht zum Selbstzweck werden. Das verändert besonders deutlich den Umgang mit antipsychotischen Medikamenten, die nur noch in einem kleineren Teil der psychotischen Situationen verordnet werden.